Leicht bedienbares Tablet für Senioren einrichten – ein Praxisbeispiel
Dieser Bericht beschreibt Schritt für Schritt, wie während der Corona-Zeit aus einem alten Tablet ein leicht bedienbares Gerät für die Großeltern wurde – mit großen Kacheln, den richtigen Apps, beschrifteten Tasten und einer ausführlichen Anleitung. Ein echtes Praxisbeispiel zum Nachmachen.

1. Projektidee
In Zeiten von Social Distancing und stark eingeschränkten Sozialkontakten sind besonders jene Personen von Vereinsamung und Langeweile betroffen, die wenig oder gar keine digitalen Kompetenzen besitzen. Dies trifft in der heutigen Zeit besonders häufig auf die ältere Zielgruppe zu, weshalb mir die Idee für ein leicht bedienbares Tablet für Senioren kam.
Denn nachdem laut dem Gesundheitsministerium ein aktives geistiges und soziales Leben in der Demenzprävention ein wichtiger Baustein sein kann, würde diese Lösung einige Vorteile mit sich bringen.
Ich habe selbst in meinen Telefonaten mit den Großeltern einen gewissen Frust über die aktuelle Situation und die Einschränkung des gewohnten Lebens herausgehört. Besonders im Fokus stand für mich hier die Videotelefonie mit Verwandten, um das soziale Leben so gut wie möglich wiederherzustellen, aber auch Apps zum Zeitvertreib in der Quarantäne.
Tipp: Tablet als Geschenk. Nachdem Corona unseren Alltag wohl leider noch einige Zeit begleiten wird, ist für mich ein leicht verständliches Tablet für Senioren das ideale Geschenk. Mehr Infos zu dieser Überlegung und eine Übersicht über etwaige anfallende Kosten findest du im Geschenk-Ratgeber.

2. Grundlagen für ein benutzerfreundliches Tablet
Nachdem ich aus früheren Versuchen mit Smartphones wusste, dass das genaue Klicken auf einem kleinen Bildschirm für meine Großeltern nicht mehr möglich ist, war das Tablet die logische nächste Stufe.
2.1 Gerät / Betriebssystem
In meinem Fall habe ich ein altes Samsung Google Nexus 10 für diesen Zweck reaktiviert. Außerdem erschien mir Android für dieses Projekt aus zwei Gründen besonders gut geeignet:
- Durch die Möglichkeit, den Launcher (= Startbildschirm) sehr variabel zu gestalten, kann man das Gerät sehr gut auf die Bedürfnisse der Zielgruppe anpassen.
- Als langjähriger Android-Nutzer kenne ich selbst das System sehr gut und kann im Fall der Fälle auch telefonisch gute Unterstützung geben.
Gerätevorschläge für Tablets unter 300 Euro (Stand 05/2021)
Die Einstiegspreise für Tablets als Geräte für Videotelefonie starten bei ungefähr 100 Euro. Falls ein SIM-Kartenslot erforderlich ist, starten die ersten Modelle bei zirka 230 Euro. Generell sollte aber auf allen aktuellen Android-Tablets meine seniorengerechte Konfiguration eingerichtet werden können und Videotelefonie verfügbar sein.
Lenovo Yoga Smart Tab LTE
Preis: ab 240 Euro · Größe: 10,1 Zoll · Android 9
- Top Preis-Leistungs-Verhältnis
- Integrierter SIM-Kartenslot
- Guter Lautsprecher
- Robustes Gehäuse
- Integrierter Standfuß
- Alte Android-Version
Samsung Galaxy Tab A7
Preis: ca. 180 Euro · Größe: 10,4 Zoll · Android 10
- Gutes Preis-Leistungs-Verhältnis
- Gute Display- und Soundqualität
- Schönes Design
- Sehr gute Akkulaufzeit
- Mäßige Kameraqualität
- Lange Ladezeiten
Lenovo Tab M10 HD
Preis: ab 190 Euro · Größe: 10,1 Zoll · Android 10
- Integrierter SIM-Kartenslot
- Gutes Preis-Leistungs-Verhältnis
- Schönes Design
- Gute Lautsprecher
- Einsteiger-Prozessor
- Niedrige Auflösung
2.2 Der richtige Android-Launcher
Als Nächstes habe ich mehrere Launcher ausprobiert und mich schlussendlich für den Square Home 3 – Launcher: Windows style entschieden. Hier hat man die Möglichkeit, beliebig große Kacheln auf dem Startbildschirm zu platzieren und so das richtige Antippen für wenig geübte Benutzer zu vereinfachen.
2.3 Die passenden Apps am Tablet für Senioren
Als Nächstes stellt sich die Frage, welche Apps für Senioren sinnvoll sind, um die geistige und soziale Aktivität wieder zu erhöhen. Dabei habe ich an folgende Kategorien gedacht:
Videotelefonie
Wenn man sich schon nicht persönlich sehen kann, ist Videotelefonie noch am ehesten damit vergleichbar. Ich habe Skype als App gewählt, da hier für den Angerufenen nur ein einziger Knopfdruck notwendig ist, um die Videotelefonie zu starten, und der Anruf auch bei gesperrtem Bildschirm ankommt. Außerdem ist die App kostenlos und war bereits bei mehreren Familienmitgliedern im Einsatz.
Fotogalerie
Hier habe ich mich für die Google Fotos App entschieden. Diese ist in der Regel bei Android vorinstalliert und bietet mehrere Vorteile:
- Automatische Synchronisation: Über die Weboberfläche von Google können aus der Ferne neue Fotoalben erstellt werden, die automatisch synchronisiert werden, sobald am Tablet die App geöffnet wird. So können alle Familienmitglieder die Alben am Tablet aus der Ferne mit neuen Fotos befüllen.
- Einfache Bedienung: Zudem sind die Schaltflächen in der App gut verständlich, und die Fotos bzw. Alben haben eine angenehme Größe zum Antippen.
Spiele & Unterhaltung
Nachdem irgendwann alle Gespräche geführt und viele Fotos angesehen sind, habe ich nach weiteren einfachen Unterhaltungsmöglichkeiten gesucht. Installiert habe ich zu Beginn drei interessante Apps:
- YouTube: Das Videomaterial auf der Plattform reicht für eine unendliche Beschäftigung, und lustige Tiervideos oder Hoppalas sorgen fast bei jedem für gute Laune – YouTube ist hier natürlich ein Fixstarter.
- Jigsaw Puzzle Spiele Epic: Eine kostenlose Puzzle-App mit unzähligen schönen Motiven. Die Anzahl der Teile pro Puzzle lässt sich sehr einfach einstellen, und die seltene Werbung ist auch für Senioren einfach zu überspringen.
- Google Earth: Da beide bei einem der letzten Treffen sehr verblüfft und begeistert von den vielseitigen Möglichkeiten von Google Maps waren, habe ich zusätzlich Google Earth installiert. Die Bedienung ist komplexer – aber sobald man damit zurechtkommt, kann man sich lange selbst beschäftigen und vieles entdecken.
- Lumosity: Laut eigenen Angaben die #1-App für kognitives Training. Diese App ist nicht für den Beginn gedacht. Mit fortschreitendem Geschick ist sie aber eine gute Möglichkeit, täglich neue Herausforderungen zu meistern und passende Ablenkung zu finden.
Technischer Support
Um Erklärvideos darzustellen, habe ich auch einen Videoplayer installiert. Dabei habe ich auf VLC for Android zurückgegriffen.
Nachdem erwartungsgemäß trotz umfangreichem Handbuch und Videos nicht alles sofort verständlich ist und funktioniert, habe ich mit TeamViewer zusätzlich eine App installiert, die Zugriff auf das Tablet aus der Ferne zulässt.
Anmerkung: Leider wird mein Tablet nur teilweise unterstützt. Dadurch kann ich keine Klicks selbst durchführen, sondern nur am Display mittels Fingerzeig andeuten, wo hingeklickt werden muss – was aber auch sehr hilfreich sein kann.
3. Umsetzung
Nachdem ich mir also ausgiebig Gedanken gemacht habe, wie das Tablet für Senioren aussehen sollte, konnte ich mit der tatsächlichen Umsetzung starten.
3.1 Grundkonfiguration
Zuerst habe ich das Tablet auf den Werkszustand zurückgesetzt und neu gestartet. Dabei habe ich ein neues Google-Konto erstellt und mir die Daten gespeichert.
Danach habe ich die oben angeführten Apps auf das Gerät heruntergeladen und begonnen, den Startbildschirm mit Hilfe des Square Home 3 – Launcher: Windows style entsprechend aufzubereiten. Schon nach kurzer Zeit war ich mit dem Ergebnis zufrieden:

Um alle Funktionen des Launchers nutzen zu können, habe ich in dem Fall auch die kostenpflichtige Version Square Home Key – Launcher: Windows style für 4,29 € erworben und aktiviert.
3.2 Internetzugriff konfigurieren
Eine Problemstellung ist, dass viele Großeltern keinen Internetzugang, geschweige denn WLAN besitzen. Idealerweise hat das Tablet daher bereits eine SIM-Karte mit Internet eingebaut. Das war bei mir leider nicht der Fall.
Mein erster Ansatz war es, zusätzlich zum Tablet ein altes, nicht mehr verwendetes Smartphone mit aktivem Hotspot zu übergeben. Dies hat anfänglich gut funktioniert. Nach einer gewissen Zeit wurde der Hotspot jedoch inaktiv und das Internet für das Tablet war weg.
Daher wurde das Tablet so konfiguriert, dass es sich in ein bestehendes WLAN-Netzwerk im Wohnhaus einloggt. Dies funktioniert nun sehr zuverlässig und macht keine Probleme mehr.
Alternativ gibt es auch die Möglichkeit, mit mobilen WLAN-Modems der Mobilfunkbetreiber eine entsprechende Verbindung in der Wohnung herzustellen. Diese können vorab konfiguriert und mitsamt dem Tablet übergeben werden.
3.3 Konfiguration der Apps
Erklärvideos bereitstellen
Hier war nicht viel Konfiguration notwendig. Der VLC Media Player findet automatisch alle Videos, die am Gerät vorhanden sind, und zeigt diese übersichtlich an. Zudem bietet die App beim ersten Start sogar eine kurze Erklärung der Tasten und Schaltflächen, was sehr praktisch ist.


Fotogalerie befüllen
Mit Google Fotos lässt sich das Tablet auch aus der Ferne mit neuen Fotos bzw. Alben befüllen. Dazu muss man sich auf seinem eigenen PC/Laptop unter photos.google.com mit dem Google-Konto des Tablets einloggen. Danach hat man die Möglichkeit, Fotos in den Cloud-Speicher hochzuladen. Wenn man bereits in seinem persönlichen Google-Konto eingeloggt ist, muss man sich vorher ausloggen oder ein Inkognito-Fenster (Chrome) bzw. ein privates Fenster (Firefox) benutzen.
Sobald auf dem Tablet die Google Fotos App geöffnet wird, synchronisieren sich diese Fotos und Alben aus der Cloud und sind dann auch lokal am Gerät abrufbar.
Nachdem es sich idealerweise um einen „Dummy-Account“ handelt, der nur für das Tablet erstellt wurde und sonst keine sensiblen Daten enthält, kann man die Zugangsdaten und den Link auch an Verwandte/Bekannte weitergeben, die dann selbst neue Fotos direkt in die Cloud stellen.
- Mit dem Button weiter zum Login
- Login mit dem Google-Konto vom Tablet
- Neue Alben und Fotos hochladen



Skype einrichten
Bei Skype habe ich mit dem neuen Google-Konto einen neuen Benutzer erstellt und sämtliche Accounts der Verwandten als Kontakte hinzugefügt. Dies ist relativ unkompliziert möglich und stellt sicher, dass später die Anrufe korrekt zugestellt werden.
TeamViewer vorbereiten
Beim TeamViewer habe ich mir vorsorglich die ID bereits aufgeschrieben, mit der ein Zugriff aus der Ferne möglich ist. Diese ist so gut lesbar, dass auch technisch wenig affine Benutzer sie telefonisch durchgeben können.
YouTube vorbereiten
Hier wurden de facto kaum Vorbereitungen getroffen. Ich habe lediglich ein paar Suchvorschläge schon eingetippt, um ein Gefühl dafür zu übermitteln, was man eingeben kann.
Puzzle-App, Google Earth & Lumosity
Auch für diese Apps wurden keine besonderen Konfigurationen getroffen. Hier soll die schriftliche Bedienungsanleitung die Benutzer des Tablets entsprechend einschulen.
3.4 Beschriftung des Gehäuses
Aus der Vergangenheit wusste ich, dass bereits das Finden von „oben“ und „unten“ bei Tablets und Mobiltelefonen für eine wenig technikaffine Zielgruppe problematisch sein kann. Daher habe ich beschlossen, mit Etiketten die korrekte Haltung sowie die wichtigsten Tasten zu beschreiben:

In der schriftlichen Anleitung habe ich diese Tasten dann noch näher beschrieben und mich auf die Beschriftung beziehen können.
3.5 Schriftliche Bedienungsanleitung mit Screenshots
Um die Berührungsängste so gering wie möglich zu halten, habe ich versucht, sämtliche möglichen Schritte in einem Dokument zusammenzufassen und diese mit Screenshots zu dokumentieren. Dieses Dokument ist somit die Basisanleitung für Personen mit wenig bis keiner Vorerfahrung mit Android-Geräten.
Download: Die ausführliche Anleitung gibt es auch als PDF – hier kostenlos herunterladen.
3.6 Erklärvideos für die Tablet-Bedienung
Die Erklärvideos behandeln sowohl die Grundsteuerung als auch tiefergehende Unterstützung bei der Anwendung von Google Earth oder der Puzzle-App.

4. Die Übergabe des Tablets
Aufgrund der Problematik mit Covid-19 und der Tatsache, dass meine Großeltern mit 80+ zur absoluten Risikogruppe zählen, war auch die Übergabe etwas komplizierter.
Ich habe zuerst gründlich meine Hände desinfiziert und danach die ausgedruckte Bedienungsanleitung in ein Papiersackerl gegeben. Anschließend habe ich Tablet und Ladekabel bestmöglich mit Desinfektionsmittel und Küchenrolle gereinigt und ebenfalls in das Sackerl gegeben.

Da vor Ort noch ein paar Dinge am Tablet konfiguriert werden mussten (z. B. WLAN-Zugriff), habe ich dazu Einweghandschuhe angezogen, um den „sauberen Zustand“ beizubehalten. Abschließend wurde das Sackerl vor der Türe platziert, angeläutet und der entsprechende Sicherheitsabstand eingenommen.
5. Fazit & bekannte Probleme
Schon zwei Stunden, nachdem ich das Tablet abgegeben hatte, wollte ich mich telefonisch erkundigen, ob meine Großeltern es schon geschafft haben, die Tastensperre zu lösen und den Startbildschirm zu erreichen.
Und ich wurde überrascht! Meine Oma erzählte mir, dass Opa bereits irgendwelche Motorradvideos anschaut. Er hatte also bereits YouTube entdeckt – wenn auch vielleicht mit etwas Zufall.
5.1 Der erste Skype-Videocall
Um zu sehen, was am Tablet passiert, habe ich sie gebeten, die TeamViewer-App zu starten, und so Zugriff auf den Bildschirm bekommen.
Bei meinen ersten Anrufen erwischte mein Opa immer die Taste für den Android-Task-Manager anstelle des „Videoanruf annehmen“-Buttons. Doch mit meiner telefonischen Anweisung hat es im 4. oder 5. Versuch dann doch geklappt, und nach kurzer Adjustierung der Kameralinse konnte der erste Videocall starten:

5.2 Herausforderungen und Probleme
Die ersten Tage gab es täglich Anrufe und Probleme, und mehrfach musste ich auch persönlich nochmals ausrücken, um diese zu beheben. Daher möchte ich kurz einen Überblick geben, was alles potenzielle Fehlerquellen sein könnten.
Konnektivität / Flugmodus
In meinem Fall war es von Anfang an problematisch, da der WLAN-Hotspot vom Smartphone leider nicht dauerhaft aktiv blieb. Daher musste ich das Tablet in ein lokales WLAN einwählen, was dann zumindest dieses Problem gelöst hat.
Nach 2–3 Tagen konnte ich jedoch mit TeamViewer keine Verbindung zum Gerät mehr herstellen, und auch Skype-Anrufe scheiterten am „Besetzt“-Geräusch. Telefonisch konnte ich herausfinden, dass in der Leiste ein „Flugzeug“ sichtbar ist – der Flugmodus war eingeschaltet. Leider war es telefonisch nicht möglich, die Anweisungen so klar zu formulieren, dass meine Großeltern diesen selbst hätten deaktivieren können.
Dies habe ich, nachdem ich einmal mehr persönlich im Stiegenhaus mit Einweghandschuhen hantieren musste, in eine zusätzliche Anleitung mit Screenshots gepackt.
Deinstallation von Apps
Ein weiteres Mal musste ich ausrücken, als man telefonisch per Skype keinen Kontakt mehr aufnehmen konnte. In diesem Fall wurde unabsichtlich durch Herumdrücken die Skype-App deinstalliert.
Um das zu verhindern, habe ich danach ein sehr nützliches Feature des Square Home 3 – Launcher verwendet: Hier ist es möglich, Apps zu verstecken. Somit können meine Großeltern zwar aktiv keine Calls mehr starten – da sie in der Regel aber ohnehin angerufen werden, spielt das in diesem konkreten Anwendungsfall kaum eine Rolle.
Das Fazit: Mit überschaubarem Aufwand lässt sich ein Tablet so einrichten, dass auch Menschen ganz ohne Vorerfahrung damit zurechtkommen – und wieder am Leben der Familie teilhaben können. Genau darum geht es.